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BERUFSRECHTSSCHUTZ: «WIR WOLLEN UNSEREN MITGLIEDERN EINEN TOP-SERVICE BIETEN»

Franziska Schneider hat von Barbara Spalinger per 1. Januar 2022 die Leitung des SEV-Rechtsdienstes übernommen. Welche Herausforderungen kommen auf sie zu? Interview.

Franziska, was waren deine bisherigen Aufgaben im Rechtsdienst, und was sind die neuen?

 

Bis jetzt habe ich mehrheitlich Dossierarbeit gemacht, individuelle Anfragen beantwortet usw. Neu stehen für mich administrative und Koordinationsaufgaben im Vordergrund, wie Bewilligungen für den Beizug eines Anwalts oder der Kontakt zu unseren Vertrauensanwält:innen. Oder Diskussionen darüber, ob wir einen Fall vor Gericht bringen. Oder übergeordnete Rechtsfragen bei GAV-Verhandlungen, die Koordination mit anderen Gewerkschaften und die Personalführung. Auf all das freue ich mich.

Der Berufsrechtsschutz ist eine der wichtigsten Dienstleistungen des SEV. Wie haben sich die Fälle entwickelt?

Seit meinem Eintritt in den SEV im Jahr 2008 haben die Rechtsschutzfälle erheblich zugenommen, doch hat sich ihre Zahl in den letzten Jahren zwischen 600 und 800 pro Jahr stabilisiert. Das sind die neuen Fälle, die zu den laufenden hinzukommen.

Hast du eine Erklärung für die Zunahme?

Die Arbeit ist generell komplexer und unsicherer geworden. Die Erwartungen an uns vom SEV haben sich sicher auch erhöht. Unsere Mitglieder gelangen nun auch viel früher mit Fragen an uns, und so können wir auch viel früher in die Geschehnisse eingreifen und sie unterstützen. Wenn jemand bei einer dreissigtägigen Frist erst am achtundzwanzigsten Tag kommt, wird es dann schon recht schwierig.

Worum geht es bei den Rechtsschutzfällen vor allem?

Inhaltlich geht es am häufigsten um Krankheit, Konflikte am Arbeitsplatz und Unfälle im Strassenverkehr. Die Berufsunfälle haben abgenommen, weil die Unternehmen in die Unfallprävention investiert haben. Diese greift wirklich, und das Sicherheitsdenken hat sich gut entwickelt. Unfälle passieren heute häufiger auf dem Arbeitsweg oder in der Freizeit beim Sport. Bei den Krankheitsfällen haben die psychischen Probleme gegenüber körperlichen Beschwerden zugenommen.

Warum?

Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Gründe dafür sind Leistungsdruck, Reorganisationen, Unsicherheiten und was die Menschen sonst belastet. Wo man früher eher mal von Durchbeissen sprach, wird das heute fast vorausgesetzt, was schwierig ist, wenn die Wertschätzung fehlt oder weniger offensichtlich ist. Das hat auch damit zu tun, dass man im Zeit- und Leistungsdruck weniger Zeit füreinander hat und weniger miteinander kommuniziert. Zu viel ist zu viel, da geht irgendwann jeder kaputt.

Hilft der SEV-Rechtsdienst auch den Pensionierten?

Alle Mitglieder haben Anspruch auf unsere Dienstleistungen, und da gehört der Rechtsschutz dazu. Wir helfen bei beruflichen Rechtsproblemen und auch bei solchen in Bezug auf AHV, Pensionskasse, Ergänzungsleistungen und andere pensionsnahe Fragen. Was nicht dazu gehört sind Erbschaft, Scheidung, Miet- und Abonnementsproblematiken. Für nichtberufliche Rechtsprobleme können sich unsere Mitglieder beim Coop-Multirechtsschutz versichern, zurzeit für 78 Franken pro Jahr inklusive Familienmitglieder, für die wir grundsätzlich keine Fälle übernehmen. Wichtig zu wissen ist auch, dass wir vom SEV-Rechtsdienst entscheiden, wann ein Dossier zu einem unserer Vertrauensanwälte geht. Kostengutsprachen für selbstgewählte Anwälte gibt es nicht.

Wie viele Mitarbeitende hast du im Rechtsdienst, und sind das genug?

Zuständig für die Deutschschweiz sind Mario Schmid, Wossen Aregay und ich, und für die Romandie Vincent Brodard und Elodie Wehrli, mit Unterstützung von Assistent:innen. Im Tessin übernehmen die Gewerkschaftssekretär:innen viele Fälle. Auch sonst helfen Gewerkschaftssekretär:innen beim Rechtsschutz mit, besonders bei den KTU. Für den Courant normal sind wir recht gut aufgestellt, doch steigt unsere Belastung bei Reorganisationen oder wenn Gesetzesänderungen zur Überprüfung von Ansprüchen führen. Einen eigentlichen Tsunami erlebten wir vor zehn Jahren bei der Einführung des SBB-Lohnsystems Toco. Auch künftig können GAV-Verhandlungen, neue Lohnsysteme oder Pensionskassengeschichten Wellen von Anfragen auslösen, die im Voraus schwierig abzuschätzen sind.

Sonstige Herausforderungen für den Rechtsdienst?

Die Pandemie hat gezeigt, dass wir noch zu analog arbeiten, obwohl wir schon gewisse digitale Strukturen haben. Vor allem beim Bearbeiten und Verwalten der Dossiers müssen wir technologisch aufrüsten. Auf jeden Fall wollen wir unseren Mitgliedern weiterhin einen Top-Service bieten. In den letzten Jahren haben wir hohe Zufriedenheitsraten erreicht, und das soll so bleiben.

Markus Fischer

 

Kurzbiographie

Franziska Schneider ist in Bern aufgewachsen und hat nach einer kaufmännischen Ausbildung in verschiedenen Branchen und Funktionen gearbeitet, unter anderem beim Bundesamt für Sozialversicherungen im IV-Bereich. Berufsbegleitend absolvierte sie die eidgenössische Matur, studierte Jus in Bern und trat 2008 in den SEV-Rechtsdienst ein, den sie seit Anfang 2022 leitet. Sie gibt auch Movendo-Kurse für Gesundheitsschutz. Im April 2017 wurde sie von den Versicherten der SBB- Pensionskasse in den Stiftungsrat gewählt und 2020 im Amt bestätigt (bis 2024). Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder (24 und 15).